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Ist unsere Arbeitswelt härter geworden?
In den letzten Monaten war viel Positives über die hiesige Arbeitssituation zu lesen. Der Wirtschaftsaufschwung hält an, viele Unternehmen stellen ein und auch solche Firmen, die bisher nicht für die Pflege ihrer Belegschaft bekannt waren, bemühen sich jetzt um ihren Ruf als Arbeitgeber, z.B. die Dogeriemarktkette Schlecker.

[©iStockphoto.com/AndrazG]
Andererseits fühlen sich immer mehr Arbeitnehmer überfordert, leiden unter psychischen Störungen oder einem Burnout. Inzwischen soll bereits jeder achte Arbeitnehmer schon einmal vom Mobbing betroffen gewesen sein – das berichtete am letzten Mittwoch das ZDF in einer Arbeitsmarkt-Reportage. Demnach sind Schikane und Mobbing an der Tagesordnung.
Wie passt das zusammen? Sehen sich Manager und Arbeitnehmer in einer beschleunigten sowie von Individualisierung und Wettbewerb geprägten Arbeitswelt zunehmend gezwungen, alle Ressourcen auszuschöpfen, jeden Raum zu nutzen – notfalls auf Kosten anderer?
Die Sendung "ZDFzoom: Das Recht des Stärkeren" legt diese Vermutung nahe. Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat in verschiedenen Betrieben recherchiert und herausgefunden: Insbesondere Betriebsräte sind Opfer von Diskriminierungen. Mittlerweile soll es sogar spezialisierte Anwälte und Berater geben, die Unternehmen anbieten, sogenannte "Konfrontationsstrategien" für sie auszuarbeiten.
Ziel des Ganzen: unliebsame Mitarbeiter und Betriebsräte notfalls loswerden. Die Methode: systematisch Druck und Dauerstress bei den unerwünschten Mitarbeitern erzeugen. Die Instrumente, um unbequeme Angestellte mürbe zu machen und sich schließlich von ihnen zu trennen: Vorwürfe wegen unterschiedlicher Fehlverhalten, Abmahnungen, Kündigungsversuche und offenbar sogar Beschattungen durch Privatdetektive oder Amtsenthebungsverfahren bei Arbeitnehmervertretern.
Da fragt man sich natürlich: Sind das Einzelfälle und krasse Ausnahmen? Dem ZDF-Beitrag zufolge jedenfalls haben die Einschüchterungsversuche gegenüber Arbeitnehmern deutlich zugenommen. Zwei Betriebsseelsorger der Katholischen Kirche berichten, dass die Methoden „immer perfider" werden. In einer anschließenden Diskussionsrunde liefert Karriereberater Martin Wehrle hierfür Beispiele: Mitarbeitern werden Informationen vorenthalten, damit sie Fehler machen und angreifbar werden oder sie werden räumlich von Kollegen isoliert, um sie psychologisch zu brechen.
Eine Schlussfolgerung der Reportage: Die Grenze zum Mobbing ist fließend und das Vorgehen ist Tätern generell nur schwer nachzuweisen. Mobbing-Opfer müssen über einen Zeitraum von sechs Monaten belegen, dass sie wöchentlich mehrfach belästigt wurden. Und auch ein Mobbing-Tagebuch des Opfers liefert noch keine Beweis-Garantie. Häufig verweigern Kollegen der Opfer aus Angst vor einem Arbeitsplatzverlust ihre Solidarität und letztendlich, so das Fazit des ZDF-Berichts, ist die Mobbing-Thematik für Staatsanwaltschaften insgesamt wenig interessant.
Was bleibt, ist das menschliche Leid der Betroffenen. Es wird in verschiedenen Interviews spürbar. Leider fehlten in der Reportage Gespräche mit Managern oder Unternehmern, die im Konflikt mit ihren Untergebenen stehen. Abgesehen von klaren Fällen des Mitarbeiter-Mobbings oder Bossings, wäre sicher auch ein Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Führungskräfte aufschlussreich gewesen.
Würden sie ihr Handeln mit dem Druck der heutigen Arbeitswelt rechtfertigen? Geben viele Führungskräfte mehr oder weniger hilflos Druck "von oben", den Aktionären oder von Außen einfach "nach unten" weiter?
Entstehen auf diesem Weg Anweisungen mit rechtlich und moralisch fragwürdigen Folgen, wie Bewerber-Blutproben bei Einstellungstests, gestrichene Kulanzspielräume gegenüber Kunden oder massenhafte Überstunden zum Auffüllen von Restrukturierungslücken? Bemerkenswert: Beim Discounter Lidl ging kürzlich sogar eine Führungskraft in Streik, um gegen gestiegenen Druck und unzumutbare Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter zu protestieren!
Öffentlichkeit und Transparenz herzustellen, hilft, um Unternehmen notfalls zu einem gesellschaftlich akzeptierten Handeln zurückzuführen. Und das kommt letztendlich Mitarbeitern sowie auch den Führungskräften zugute.
Welchen Ruf ein Unternehmen hat, kann dieses nur noch zum Teil selbst beeinflussen. Das Firmen-Image wird heute zunehmend von Mitarbeitern sowie von Bürgern und Kunden geprägt, die sich direkt über soziale Medien an eine breite Öffentlichkeit wenden.
Und dass das funktioniert, zeigt sich nicht nur im Falle Schlecker sondern auch daran, dass eine Bank keine Psycho-profile ihrer Kunden mehr erstellt, der Lebensmitteldiscounter Netto seinen Mitarbeitern für Beschwerden einen unabhängigen Vermittler anbietet oder der Textilhändler Kik sich stärker um seine Mitarbeiter und seine soziale Verantwortung kümmern will - und sicherlich an immer mehr positiven Beispielen in der Zukunft.
Jens Sander
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Hier geht es zur ZDF-Reportage "Das Recht des Stärkeren" sowie zur anschließenden "Diskussionsrunde bei Markus Lanz" mit dem Journalisten Günter Wallraff, dem Unternehmer Wolfgang Grupp (Trigema GmbH & Co. KG ), Karriereberater Martin Wehrle, Ulrike Schramm-de Robertis (Filialleiterin und Betriebsrätin bei Lidl) sowie Prof. Rüdiger Knaup (Rechtsanwalt und Kündigungsexperte).

[©iStockphoto.com/AndrazG]
Andererseits fühlen sich immer mehr Arbeitnehmer überfordert, leiden unter psychischen Störungen oder einem Burnout. Inzwischen soll bereits jeder achte Arbeitnehmer schon einmal vom Mobbing betroffen gewesen sein – das berichtete am letzten Mittwoch das ZDF in einer Arbeitsmarkt-Reportage. Demnach sind Schikane und Mobbing an der Tagesordnung.
Die Sendung "ZDFzoom: Das Recht des Stärkeren" legt diese Vermutung nahe. Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat in verschiedenen Betrieben recherchiert und herausgefunden: Insbesondere Betriebsräte sind Opfer von Diskriminierungen. Mittlerweile soll es sogar spezialisierte Anwälte und Berater geben, die Unternehmen anbieten, sogenannte "Konfrontationsstrategien" für sie auszuarbeiten.
Ziel des Ganzen: unliebsame Mitarbeiter und Betriebsräte notfalls loswerden. Die Methode: systematisch Druck und Dauerstress bei den unerwünschten Mitarbeitern erzeugen. Die Instrumente, um unbequeme Angestellte mürbe zu machen und sich schließlich von ihnen zu trennen: Vorwürfe wegen unterschiedlicher Fehlverhalten, Abmahnungen, Kündigungsversuche und offenbar sogar Beschattungen durch Privatdetektive oder Amtsenthebungsverfahren bei Arbeitnehmervertretern.
Da fragt man sich natürlich: Sind das Einzelfälle und krasse Ausnahmen? Dem ZDF-Beitrag zufolge jedenfalls haben die Einschüchterungsversuche gegenüber Arbeitnehmern deutlich zugenommen. Zwei Betriebsseelsorger der Katholischen Kirche berichten, dass die Methoden „immer perfider" werden. In einer anschließenden Diskussionsrunde liefert Karriereberater Martin Wehrle hierfür Beispiele: Mitarbeitern werden Informationen vorenthalten, damit sie Fehler machen und angreifbar werden oder sie werden räumlich von Kollegen isoliert, um sie psychologisch zu brechen.
Eine Schlussfolgerung der Reportage: Die Grenze zum Mobbing ist fließend und das Vorgehen ist Tätern generell nur schwer nachzuweisen. Mobbing-Opfer müssen über einen Zeitraum von sechs Monaten belegen, dass sie wöchentlich mehrfach belästigt wurden. Und auch ein Mobbing-Tagebuch des Opfers liefert noch keine Beweis-Garantie. Häufig verweigern Kollegen der Opfer aus Angst vor einem Arbeitsplatzverlust ihre Solidarität und letztendlich, so das Fazit des ZDF-Berichts, ist die Mobbing-Thematik für Staatsanwaltschaften insgesamt wenig interessant.
Was bleibt, ist das menschliche Leid der Betroffenen. Es wird in verschiedenen Interviews spürbar. Leider fehlten in der Reportage Gespräche mit Managern oder Unternehmern, die im Konflikt mit ihren Untergebenen stehen. Abgesehen von klaren Fällen des Mitarbeiter-Mobbings oder Bossings, wäre sicher auch ein Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Führungskräfte aufschlussreich gewesen.
Würden sie ihr Handeln mit dem Druck der heutigen Arbeitswelt rechtfertigen? Geben viele Führungskräfte mehr oder weniger hilflos Druck "von oben", den Aktionären oder von Außen einfach "nach unten" weiter?
Entstehen auf diesem Weg Anweisungen mit rechtlich und moralisch fragwürdigen Folgen, wie Bewerber-Blutproben bei Einstellungstests, gestrichene Kulanzspielräume gegenüber Kunden oder massenhafte Überstunden zum Auffüllen von Restrukturierungslücken? Bemerkenswert: Beim Discounter Lidl ging kürzlich sogar eine Führungskraft in Streik, um gegen gestiegenen Druck und unzumutbare Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter zu protestieren!
Öffentlichkeit und Transparenz herzustellen, hilft, um Unternehmen notfalls zu einem gesellschaftlich akzeptierten Handeln zurückzuführen. Und das kommt letztendlich Mitarbeitern sowie auch den Führungskräften zugute.
Welchen Ruf ein Unternehmen hat, kann dieses nur noch zum Teil selbst beeinflussen. Das Firmen-Image wird heute zunehmend von Mitarbeitern sowie von Bürgern und Kunden geprägt, die sich direkt über soziale Medien an eine breite Öffentlichkeit wenden.
Und dass das funktioniert, zeigt sich nicht nur im Falle Schlecker sondern auch daran, dass eine Bank keine Psycho-profile ihrer Kunden mehr erstellt, der Lebensmitteldiscounter Netto seinen Mitarbeitern für Beschwerden einen unabhängigen Vermittler anbietet oder der Textilhändler Kik sich stärker um seine Mitarbeiter und seine soziale Verantwortung kümmern will - und sicherlich an immer mehr positiven Beispielen in der Zukunft.
Jens Sander_ _ _ _ _
Hier geht es zur ZDF-Reportage "Das Recht des Stärkeren" sowie zur anschließenden "Diskussionsrunde bei Markus Lanz" mit dem Journalisten Günter Wallraff, dem Unternehmer Wolfgang Grupp (Trigema GmbH & Co. KG ), Karriereberater Martin Wehrle, Ulrike Schramm-de Robertis (Filialleiterin und Betriebsrätin bei Lidl) sowie Prof. Rüdiger Knaup (Rechtsanwalt und Kündigungsexperte).
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Zwitschern
[14.07.2011, 07:36]
Es gibt ein neues Urteil zum Thema Videoaufzeichnung (Arbeitsgericht Duesseldorf, Urteil v. 03.05.2011 - Az.: 11 Ca 7326/10).
"Die heimliche Videoüberwachung eines Mitarbeiters und die damit zusammenhängende Speicherung der erfassten Daten ist ausnahmsweise nur dann zulässig, wenn der Arbeitgeber einen konkreten Verdacht einer Straftat eindeutig belegen kann. Kann er dies nicht, so ist die Verwertung des Filmmaterials als Beweis in einem Kündigungsschutzverfahren unzulässig...."
http://bit.ly/qP61l1
"Die heimliche Videoüberwachung eines Mitarbeiters und die damit zusammenhängende Speicherung der erfassten Daten ist ausnahmsweise nur dann zulässig, wenn der Arbeitgeber einen konkreten Verdacht einer Straftat eindeutig belegen kann. Kann er dies nicht, so ist die Verwertung des Filmmaterials als Beweis in einem Kündigungsschutzverfahren unzulässig...."
http://bit.ly/qP61l1
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